Interessantes
Gedanken zum Shodan

„Was bedeutet dieser Schwarzgurt eigentlich – ist das so, als ob man im Fußball in ie Bundesliga aufsteigt?“ Gerade hatte ich meine Prüfung zum Shodan bestanden, da stellte mir eine nicht Aikido betreibende Freundin diese Frage. Ich musste lachen bei diesem Vergleich, wusste aber im ersten Moment nicht genau, was ich eigentlich antworten sollte. Gute Frage. Außer dem offensichtlichen Unterschied des nun dunklen Hakamas fiel mir auf Anhieb nicht sehr viel ein. Bedeutet das, dass sich nur auf der äußerlichen Ebene ein Wandel vollzieht? Oder gibt es vielleicht einen solchen „Wandel“ – auch innerlich - gar nicht? Und wenn doch, woraus sollte er bestehen? Zeit, sich das Thema einmal genauer anzusehen.


Das Kanji für „Dan“ stellte ursprünglich die Tätigkeit dar, Stufen in einen Felsen zu schlagen, um ihn zu erklimmen. Heutzutage wird dies schlicht als „Stufe“ oder „Ebene“ übersetzt. Die Bedeutung des Wortes „Stufe“ definiert das Wörterbuch folgendermaßen: 1. Rang oder Grad innerhalb einer Serie oder Skala; 2. Teil einer Sequenz von getrennten, aufeinanderfolgenden Stadien in der Entwicklung zu einem Ziel hin; 3. ein Objekt oder eine Vorrichtung, die eine Stütze beim Hinaufsteigen oder Hinabsteigen bietet. Häufig hört man, dass das Wort „Dan“ als „Meistergrad“ übersetzt wird. Wenn man sich aber die Definition dieses Wortes ansieht, wird deutlich, dass dies streng genommen nicht stimmt:
Die genannten Definitionen zeigen, dass eine Stufe ein Teil einer Skala, einer Entwicklung oder eben einer Treppe ist. Der erste Dan, oder Shodan, ist also lediglich die erste einer ganzen Reihe von Stufen. Man steht ganz unten an der Treppe und hat noch viele Stufen vor sich. Kevin Choate (6. Dan Aikikai) sagte in einem Interview, dass er auf seinem Weg zum Gipfel manchmal zurück blickt und dann erstaunt ist, wie hoch er schon gekommen ist. Doch immer, wenn er das tut, dreht sich sein Lehrer (Mitsugi Saotome, 8. Dan Aikikai) von oben zu ihm um und zeigt ihm, wie weit er ihm immer noch voraus ist.

 

In den meisten seriös betriebenen asiatischen Kampfkünsten zeigt der Shodan an, dass sein Träger über die Grundkenntnisse innerhalb dieser Kampfkunst verfügt. Man könnte es mit dem Lernen des ABCs vergleichen, oder auch mit dem bestandenen Führerscheintest: die Basics sind nun vorhanden, aber man kann trotzdem nicht gleich wie Michael Schumacher loslegen. Es ist statt dessen an der Zeit, die gelernten Grundlagen weiter zu vertiefen, den Blick auszuweiten zu Dingen, die noch außerhalb der eigenen Fähigkeiten liegen und mit dem wahren Lernen anzufangen. Dave Lowry schreibt dazu: „Shodan zu sein heißt nicht, den Fuß in der Tür zu haben, sondern es heißt, dass man gelernt hat, wie man die Türklinke findet.“


Eine weitere Frage, die mir nach meiner Danprüfung gestellt wurde, war: „Bist du jetzt eine richtige Meisterin?“ Hier fiel mir die Antwort nicht schwer. Viele Budo-Verbände sprechen erst ab dem 2., manche sogar erst ab dem 4. Dan vom „Meistergrad“ und als frischgebackener 1. Dan fühlte ich mich alles andere als so weit fortgeschritten, dass ich Aikido „meistern“ könnte. Nein, keine Meisterin, nur eine Anfängerin im dunklen Hakama. Durch das Tragen eines schwarzen/blauen Hakamas heben wir uns sichtbar von den Kyu-Graden ab. Traditionell war es jedoch so, dass alle Schüler – egal ob Yudansha oder Mudansha - einen Hakama in verschiedenen Farben trugen. Wir sollten ihn nicht als Status-Symbol betrachten, sondern uns durch die sieben Falten an die sieben Tugenden der Samurai erinnern, die unter anderem auch Rei, also Respekt, Höflichkeit und als Teil dessen sicherlich auch Bescheidenheit, symbolisieren.


Das Schriftzeichen für den ersten Teil des Wortes Sho-dan besteht aus zwei Teilen, einerseits dem Zeichen für „Stoff“ und dem Zeichen für „Messer“. Um ein Kleidungsstück zu schneidern, müssen wir zuerst die benötigten Teile zuschneiden. Bevor die Kleidung überhaupt Form annehmen kann, muss die Grundlage dafür gelegt werden, dass sie später auch passt und hält. Das Zuschneiden ist der erste Schritt für das spätere Gelingen, die eigentliche Arbeit steht jedoch noch bevor. Interessanterweise verbildlicht das Kanji für Kyu den Vorgang, Fäden zu einem Ganzen zusammenzufügen. Übertragen könnte man sagen, dass die Zeit als Kyu-Grad den Prozess vor dem Zuschneiden des Schnittmusters ist: Zu allererst muss der Stoff gewebt werden. Ohne Stoff keine Kleidung. Doch beim Weben ist noch nicht erkennbar, wie das spätere Kleidungsstück aussehen wird. Erst beim Ausschneiden der einzelnen Teile entsteht ein vager Eindruck davon, welche Form daraus hervorgehen wird.


So weit zum „technischen Stand“ eines Shodan-Trägers. Wie steht es mit den äußeren Dingen? Tragen wir mit dem schwarzen Hakama nicht auch gleichzeitig mehr Verantwortung? Anfänger blicken oft zu den Danträgern auf – wir alle hatten sicher ein Vorbild mit „schwarzem Rock“, als wir mit dem Aikido anfingen. Deshalb sollten wir als Sempai (erfahrener Schüler) auch nach außen hin Vorbild sein in Bezug auf Etikette und Training.


Wenn ich wieder gefragt werde, was es bedeutet, ein Shodan zu sein, werde ich hoffentlich bessere Auskunft geben können. Und in der Zwischenzeit werde ich versuchen, nicht zu vergessen, dass ich nur mit den Zehenspitzen auf der ersten Stufe der langen Treppe angelangt bin. In der Bundesliga spielen andere.


Sonja Sauer
SV Böblingen


Quellen:
Dave Lowry, Sword and Brush
Dave Lowry, Traditions
Mitsugi Saotome, Yudansha ranking
Mitsugi Saotome, The Principles of Aikido
Kensho Furuya, What does a black belt really mean?